Wieso Philosophie und Neurowissenschaften
?

Wieso Philosophie und Neurowissenschaften
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Wieso Philosophie und Neurowissenschaften
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Wie Philosophinnen
und Philosophen
das Gehirn und
die Neurowissenschaften
erforschen

Das Gehirn wird oft als Ort des Bewusstseins, der Persönlichkeit, der Individualität, des Denkens und Handelns gesehen oder sogar als die Materialisierung des Subjekts. Mit dem Wachsen neurowissenschaftlicher Forschung seit Mitte der 1980er Jahre entstanden neue Möglichkeiten, Prozesse auch im Gehirn zu beobachten und zu beeinflussen. Das hatte zur Folge, dass viele alte philosophische Fragen neu gestellt wurden: Ist alles Geistige auf Gehirnaktivitäten reduzierbar? Wie hängt das Gehirn mit den verschiedenen Dimensionen unseres Selbstseins zusammen? Sind wir nun frei oder nicht?

Durch den Fortschritt im Feld der Neurotechnologie stellen sich in jüngerer Zeit eine Reihe von ethischen Fragen: Wie weit dürfen wir in das Gehirn eingreifen? Muss die Privatsphäre des Gehirns in besonderer Weise geschützt werden? Sind Moral und Empathie im Gehirn lokalisierbar? Darf man oder sollte man das Gehirn verbessern? Wer ist in Mensch-Maschine-Interaktionen letztlich verantwortlich? Der Mensch und sein Gehirn oder die intelligente, selbstlernende Neuroprothese? Solche Fragen können nur interdisziplinär beantwortet werden und in der Integration verschiedener Perspektiven und Methoden.

Die Entdeckung des Bereitschaftspotentials: Besitzt der Mensch Willensfreiheit?

Ein Beispiel dafür, wie die Neurowissenschaften die Philosophie herausgefordert haben, verbindet sich mit der Frage, ob der Mensch Willensfreiheit besitzen kann, wenn er doch ebenso Naturgesetzen unterliegt wie alle anderen Dinge in der Welt. Die Debatte neu entzündet hat die Entdeckung des sogenannten Bereitschaftspotentials Mitte der 1960er Jahre. Dieses zeigt, dass ca. 200ms vor einer Bewegung Bewusstsein über diese existiert, es aber bereits 500ms vor der Bewegung eine vorausgehende neuronale Aktivität gibt. Sehr vereinfacht ausgedrückt, gibt es also messbare Hirnaktivitäten bevor der Mensch Bewusstsein über eine Entscheidung erlangt. Sind wir Menschen also bestimmt (determiniert) durch die neurobiologischen Vorgänge? An der Deutung dieses Experiments scheiden sich die Geister, doch es befeuert bis heute die Diskussion über das Verhältnis von Willensfreiheit, Handlungsfreiheit und Bewusstsein.

 

Auch der Fall Phineas Gage hatte Folgen für das philosophische Nachdenken über das Gehirn. Phineas Gage hatte Mitte des 19. Jahrhunderts einen schweren Unfall erlitten und behielt infolge dessen eine dauerhafte Schädigung des Gehirns. Eine Eisenstange zerstörte Teile seines orbitofrontalen und präfrontalen Cortex. Obwohl er diesen Unfall überlebte und keinerlei Beeinträchtigung von Gedächtnis, Wahrnehmung, Intelligenz oder Ähnlichem davontrug, veränderte sich sein Persönlichkeitsbild und insbesondere seine moralische Bewertung von Sachverhalten und ethischen Fragestellungen. Dieser Fall wiederum steht als Wegmarke der Untersuchung des biologischen Verständnisses von Moral.

 

Vor wenigen Jahren hat sich das Feld der Neuroethik etabliert, in dem Forscherinnen und Forscher aus Philosophie, Neurowissenschaften, Medizin, Sozial- und Rechtswissenschaften ethische Kriterien für Eingriffe in das Gehirn entwickeln und in internationalen Foren diskutieren. So wurde zum Beispiel intensiv über die ethischen Implikationen der Tiefen Hirnstimulation und über optimierende Eingriffe (Enhancement) in das Gehirn nachgedacht. In jüngster Zeit werden zunehmend auch intelligente Neuroprothesen und Big Data zum Gegenstand neuroethischer Reflexionen.

 

Die Fragen zum Verhältnis von Bewusstsein und Geist zum Gehirn wurden auch von der Populärkultur aufgegriffen, etwa in Filmen wie »Die Matrix«. Mit dem Voranschreiten der technischen Entwicklung des Computers entstehen neue Ideen für Schnittstellen von Mensch und Maschine – die als Cyborgs durch viele Science-Fiction Filme geistern.

In der Matrix: das Spannungsfeld von Realität und Virtualität in der Popkultur

Das Verhältnis von Neurowissenschaften und Philosophie ist mit diesen kurzen Erläuterungen bei weitem noch nicht ausreichend bestimmt. Festzuhalten bleibt, dass viele klassische Themen der Philosophie durch Erkenntnisse der Hirnforschung, Neurologie, Robotik, Prothetik oder Informatik neue Impulse erhalten haben.

 

Zum Weiterlesen:

https://teamweb.uni-mainz.de/fb05/Neuroethics/Lists/Bibliography/Show.aspx
Eine ausführliche Bibliografie zum Thema Neuroethik (Johannes Gutenberg-Universität Mainz).

https://plato.stanford.edu/entries/neuroscience/
Dieser Eintrag der Stanford Encycolpedia erklärt Neurowissenschaften aus Sicht der Philosophie.

https://link.springer.com/article/10.1023/B:JGPS.0000035153.89143.4c
Dieser Artikel führt in den Begriff Neuroethik ein.

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