Störung/ הפרעה

Januar bis Dezember 2015
Das deutsch-israelische Wissenschaft/Tanz-Projekt brachte über ein Jahr lang Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Tänzerinnen und Tänzer sowie Menschen mit Morbus Parkinson zusammen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Freiburg und Tel Aviv erarbeiteten sich gemeinsam einen multiperspektivischen Zugang zum Thema Bewegung und Bewegungsstörung.

Der Exzellenzcluster BrainLinks-BrainTools der Universität Freiburg und das Theater Freiburg haben zusammen mit der Company der Choreografin Yasmeen Godder in Tel Aviv sowie vier neurowissenschaftlichen Instituten in Israel ein interdisziplinäres Langzeitprojekt entworfen, das sich mit dem Phänomen der Störung beschäftigt. Das Projekt basierte auf langjährigen Kooperationen seiner Partner und beteiligte in Deutschland und Israel über mehrere Monate ca. 40 Menschen, die mit Parkinson leben, 16 Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler sowie international renommierte Wissenschaftler aus den Bereichen Neurowissenschaften, Medizin, Mikrosystemtechnik und Ethik sowie Tänzer, Choreografen und Dramaturgen.

Kooperationspartner
Theater Freiburg, Yasmeen Godder Company
Zielgruppe
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Patientengruppen, Tänzerinnen und Tänzer, Interessierte Öffentlichkeit

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erforschten das Thema Bewegung und Bewegungsstörung mit Mitteln der wissenschaftlichen und künstlerischen Forschung. Alle beteiligten Teilnehmergruppen hatten die Gelegenheit, den Erfahrungsraum der jeweils anderen in die eigene Lebens- und Forschungswirklichkeit zu integrieren. Ein besonderer Fokus lag auf dem interkulturellen Austausch über länderspezifische Arbeitsweisen und Denktraditionen in Wissenschaft und Kunst.

Das Projekt verfolgte den Ansatz, den teilnehmenden Wissenschaftlern, Tänzern und Menschen mit Parkinson einen veränderten Blick auf neurologische Erkrankungen, die mit Bewegungsstörungen einhergehen, zu ermöglichen. Der ganzheitliche Ansatz sollte zu einer Sensibilisierung für neurologische Erkrankungen wie Morbus Parkinson und zu einer besseren Integration daran Erkrankter in die Gesellschaft führen. Darüber hinaus sollten die Nachwuchswissenschaftler dazu angeregt werden, neue Impulse für die Erforschung von Bewegungsstörungen und die Entwicklung von Therapiemöglichkeiten zu setzen. Nicht zuletzt sollten die schon bestehenden Verbindungen der beteiligten Institutionen (BrainLinks-BrainTools und Theater Freiburg) zu ihren jeweiligen israelischen Partnern vertieft und für die kommenden Generationen gesichert werden.

Der Film »Störung« von Maya Rothschild begleitete das Projekt.

Im Begriff der Störung brechen sich prismatisch (neuro-)pathologische, gesellschaftliche, philosophische und künstlerische Diagnostiken und Deutungsmuster. In der modernen Medizin tritt an die Stelle der den ganzen Menschen erfassenden Krankheit und ihrer Heilung die Behebung einer Störung und verändert so unser Verständnis von der Person. Bei neurologischen Störungen wie Morbus Parkinson verengt sich bereits im Studium der wissenschaftliche und ärztliche Blick auf das Gehirn als technisch und chemisch korrigierbares Organ. Der zeitgenössische Tanz hat sich Störungen dieser Art angenommen und ein Erfahrungswissen mobilisiert, das wir mit klinischen, philosophischen und gesellschaftsdiagnostischen Störungsbegriffen kurzschließen wollten. Tänzer und Choreografen sind Experten für das geworden, was international in Philosophie und Neurologie unter »embodied cognition« diskutiert wird: Theorien über die Formung unseres Selbst bis in neuronale Strukturen hinein vor dem Hintergrund von Verkörperung, Bewegungsabläufen und leiblicher Selbstwahrnehmung. Deshalb wollten wir mit Methoden der künstlerischen Forschung den Erfahrungsraum zwischen Bewegung und Bewegungsstörung in einer interdisziplinären Expedition erkunden. Wir wollten Menschen mit Parkinson und Künstler zu Pionieren eines Körperverständnisses werden lassen, das sowohl die Zerebralisierung der klinischen Praxis als auch die medial und (leistungs-)gesellschaftlich generierten Körperfetischismen sowie die Inszenierung digitaler Entkörperlichungen unterläuft.

 

www.auswärtiges-amt.de
Das Projekt »Störung/Hafraah« wurde 2017 mit dem Shimon-Peres-Preis des Auswärtigen Amtes ausgezeichnet.

Tänzer, Wissenschaftler
und Menschen mit Parkinson
aus Israel und Deutschland
wirkten zusammen an dem Projekt

Februar 2015
Winter School
Theater Freiburg/Universität Freiburg
Bei der einwöchigen Winter School zu Projektbeginn wurden die theoretischen Grundlagen für die weitere Zusammenarbeit gelegt. In Workshops, Vorträgen und Gesprächsrunden erarbeiteten sich die Nachwuchswissenschaftler und Tänzer die Methodik der jeweils anderen Disziplin – unterstützt von eingeladenen Experten und Mentoren aus Wissenschaft und Tanz. Ziel der Winter School war es, dass Nachwuchswissenschaftler und Tänzer gemeinsame Forschungsprojekte entwickeln, an denen sie im weiteren Projektverlauf arbeiten wollten.


Die Tänzer, die im Wechsel die Kurse in Freiburg leiteten, beschäftigten sich in ihren Workshops jeweils mit einem dieser Themen, die auch von den Tänzern in Tel Aviv bearbeitet wurden:
Themen im Projekt
Im Laufe des Jahres 2015
Tanzklassen und Open Practices
Theater Freiburg, Universität Freiburg und Yasmeen Godder Company, Tel Aviv
In den folgenden Monaten nahmen die Nachwuchswissenschaftler an Tanzklassen teil (wöchentlich in Freiburg, blockweise in Tel Aviv). Im Gegenzug besuchten Tänzer die Labore der Wissenschaftler. Parallel fanden Tanzklassen für Menschen mit Parkinson statt. Jeder Monat war einem Thema gewidmet, mit dem sowohl die Wissenschaftler als auch die Tänzer in ihrem Arbeitsalltag konfrontiert sind, z.B. Balance.
Regelmäßig fanden Open Practices beziehungsweise Open Houses in Freiburg und Tel Aviv statt – Veranstaltungen, die dem Publikum einen Einblick in die laufende Projektarbeit ermöglichten.

www.hafraah.wordpress.com
Der Blog wurde zur Plattform für den Austausch der Teilnehmer.

7. und 8.12.2015
Finaler Themenkongress in Tel Aviv
Vorträge, Workshops und Diskussionen
Mandel Cultural Center
In Workshops, wissenschaftlichen Vorträgen und Diskussionen wurden die im Projektverlauf gesammelten Ergebnisse und Erfahrungen ausgetauscht und über langfristige Perspektiven nachgedacht.
18. und 19.12.2015
Finaler Themenkongress in Freiburg
Workshops, wissenschaftliche Vorträge, Info-Parcour, Work-in-Progress-Präsentation
Theater Freiburg
Am Theater Freiburg fand die zweite Abschlussveranstaltung statt, bei dem die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zusätzlich die Möglichkeit hatten, ihre Erkenntnisse in Form von Postern und Stationen im Theater vorzustellen. Tanzworkshops und wissenschaftliche Vorträge gaben Besucherinnen und Besuchern einen Einblick in die Erfahrungen der Teilnehmer und in die Forschung zu Tanz und Parkinson. Der Kongress endete mit einer Work-in-Progress-Präsentation von Yasmeen Godders neuer Choreographie, die im Rahmen des Projekts entstand: »Common Emotions«.
In Themenkongressen für die Öffentlichkeit wurden Erkenntnisse und offene Fragen aus einem Jahr Tanz und Austausch zum Thema Bewegung vorgestellt.
Mai 2016
Common Emotions
Deutsche Uraufführung
Theater Freiburg
Im Mai 2016 wurde am Theater Freiburg das Stück »Common Emotions« der Choreografin Yasmeen Godder aus Tel Aviv uraufgeführt.
»Common Emotions« wurde 2016 in Jerusalem, im Tanzhaus NRW, bei den Tanztagen in Potsdam, im Centre Chorégraphique National de Rillieux-la-Pape, Frankreich, und im CSC Garage Nardini in Bassano del Grappa, Italien, aufgeführt.
Weitere Informationen zu »Common Emotions«:

www.hafraah.wordpress.com
Eine Zusammenstallung von Fotos der Erstaufführung

www.yasmeengodder.com
Texte, Videos und Reviews zum Stück

 

Drittmittelförderung von
Kooperationspartner

https://hafraah.wordpress.com/people/
Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Projekts sind auf dieser Website aufgelistet.

03   Experiment