23 — 03 — 19   Foto: Maria Vomero
Wenn Technik auf Neurowissenschaften trifft

In der neurotechnologischen Forschung treffen Ingenieur*Innen auf Neurowissen-schaftler*Innen. Diese interdisziplinäre Zusammenarbeit ist nicht selbstverständlich: jeder muss den anderen kennenlernen, seine Arbeitsweise, seine Erwartungen einschätzen und seine Ergebnisse verstehen. Einen guten Einblick in dieses wissenschaftliche Brückenbauen liefert uns die Ingenieurin Maria Vomero vom Labor für biomedizinische Mikrotechnik an der Universität Freiburg und dem Exzellenzcluster BrainLinks-BrainTools in ihrem Bericht über einen Besuch am Labor von Professor György Buzsáki, Neurowissenschaftler an der New York University School of Medicine, USA.

 

Ein Bericht von Maria Vomero

Vor kurzem kam ich von einer Reise zum NYU Neuroscience Institute in New York City zurück, wo ich endlich die große Ehre hatte, Prof. Buzsaki, einen der meistzitierten Neurowissenschaftler der Welt, persönlich zu treffen. Die Aufregung, die ich empfand, als ich die Stunden und Minuten zählte, um ihn und sein Team zu treffen, lässt sich kaum beschreiben: Ich fühlte mich irgendwie begeistert, neugierig und zugegebenermaßen unsicher. Wie sieht sein neurowissenschaftliches Labor aus? Wie werde ich mich als Ingenieurin dort fühlen und wie werde ich auf die Kollegen aus den Neurowissenschaften wirken?

Ein Polyimidimplantat. Foto: Maria Vomero

Ich wurde in der Lobby des Gebäudes abgeholt und war nach einer kurzen Fahrt mit dem Aufzug im 13. Stock dieses Instituts mit einem 360-Grad-Blick auf Manhattan....direkt an der Wasserfront. Was für eine Aussicht! Ich war schon beeindruckt. Ich bekam eine kurze Labortour und traf dort ein paar Postdocs, die alle sehr freundlich und einladend wirkten. Nachdem ich das Eis mit den Leuten im Labor gebrochen hatte, dachte ich zuerst: "Wo sind die Werkzeuge?". Richtig, die Werkzeuge. Ingenieure sind in der Regel von vielen Maschinen und vielen Geräuschen umgeben. Das ist in einem neurowissenschaftlichen Labor nicht der Fall. Die Leute saßen nebeneinander vor ihren Computern und betrachteten Daten... eine Unmenge an Daten! In der Zwischenzeit führte jemand eine Operation zur Implantation einer neuronalen Sonde in dem kleinen Raum auf der anderen Seite des Korridors durch. Dort werden diese Daten gesammelt.

Ich gab ihnen die Sonden, die ich mitgebracht hatte: unsere haargroßen Polyimidimplantate, die mich/uns so stolz machen. Sie versprachen, dass wir sie am nächsten Tag gemeinsam testen würden. Sie hatten kein Glück mit den Sonden, die wir zuvor geschickt hatten und mir wurde gesagt, dass das Problem an unseren Sonden liegen muss, denn „Neurophysiologie lügt nie". Ich habe ehrlich gesagt dasselbe über die Ingenieurswissenschaften gedacht und dass es etwas gibt, was wir gemeinsam haben: das Vertrauen in unsere Bereiche.

Ich spürte den ganzen Druck dieser alles-oder-nichts Situation: Entweder sind die Implantate erfolgreich oder ich gehe nach Hause, um die Nachricht zu überbringen, dass unsere Zusammenarbeit höchstwahrscheinlich hier endet. Ich fühlte eine große Verantwortung auf meinen Schultern, wusste aber gleichzeitig, wie viel Mühe und Erfahrung in diesen Sonden steckte. Ich wusste, was ich auf den Tisch legte, und ich war zuversichtlich genug, am nächsten Morgen mit einer positiven Einstellung das Experiment zu beginnen. Wir haben die Sonde gemeinsam vorbereitet und implantiert. Die ersten 10 Minuten auf dem Bildschirm sahen aus wie reines Rauschenauf allen 32 Elektroden. Kein guter Anfang. Ich bin mir nicht sicher, was ich an diesem Punkt gedacht habe, ich habe gewartet. Plötzlich (Keine Ahnung, was passiert ist!) tauchten schöne Signale auf dem ganzen Bildschirm auf und wir fingen an zu feiern. Was für eine Erleichterung! Sie waren sehr glücklich und baten mich, ihnen mehr Implantatezu schicken. Sie hatten wieder Vertrauen in unsere Gruppe und in unsere Technologie gewonnen. Die Idee, dass dieses Vertrauen irgendwann verloren gegangen war, ist nichtdestotrotz beunruhigend.... aber das Happy End war die Fahrt wert!

Wenn es eine Sache gibt, die ich während dieser Reise gelernt habe, ist es, dass Neurowissenschaften und Ingenieurwesen völlig verschiedene Bereiche mit unterschiedlicher Methodik sind, aber beide einander brauchen, um erfolgreich zu sein. Daran habe ich nun keinen Zweifel mehr.

 

Diese Kooperation ist Teil des Projekts MANTA. Projektleiterin ist Dr. Maria Asplund und beteiligt sind außerdem Christian Böhler and Rickard Liljemalm.

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