26 — 07 — 19   Foto: Minz&Kunst
Gesichter, Hände und organische Strukturen: Sare und Yukie Nagais Bild an der Merzhauserstr./Wippertstr. ist fertig!

von Jürgen Reuss

Eigentlich sollte das Wandbild der Freiburger Streetart-Künstlerin Barbara „Sare“ Gräwe in der Nähe vom Hauptbahnhof entstehen. Damit, dass es wegen einer fehlenden Genehmigung vom Denkmalsamt stattdessen nun sehr prominent an der Ecke Merzhauser Straße/Wippertstraße gegenüber der Kreuzung mit der Wiesentalstraße zu sehen ist, kann Sare sehr gut leben: „Ich bin sogar froh, dass ich hier gemalt habe. Hier ist das Bild viel näher am Geschehen. Ich habe schon während des Malens gemerkt, dass dauernd gehupt wurde, weil die Leute, wenn die Ampel rot war, neugierig rüber geschaut haben und gar nicht gemerkt haben, dass schon wieder grün war.“

Das ist die Aufmerksamkeit, die sich die Tandems aus Wissenschaft und Streetart für ihre gemeinsame Stadtwandforschung erhoffen. Sares Partnerin war die japanischen Informatikerin Yukie Nagai, mit der sie sich vor der Motivfindung per Skype und auch bei einem Treffen bei den Partnern vom Kulturaggregat rege über Künstliche Intelligenz ausgetauscht hat. Das daraus entstanden Motiv überrascht auf den ersten Blick. Von Computertechnik, Robotern oder ähnlichem ist da nichts zu sehen. „Stimmt, ich wollte nichts zu Offensichtliches, Plakatives“, sagt Sare und erzählt, dass sie vor allem eine Szene nicht mehr losgelassen hat. Yukie Nagai hatte ihr nämlich geschildert, wie ihr Assistent es anstellt, einem Roboter Emotionen beizubringen. „Das ist wie bei einem Kind, dass ganz aufmerksam zu verstehen versucht, was die Gesten der Eltern oder die Bewegung ihrer Augenbrauen wohl zu bedeuten haben“, sagt Sare. „Deswegen habe ich zwei Gesichter gemalt, in denen die Emotionen am besten sichtbar sind.“

Für beide Gesichter standen antike Statuen Pate. Und auch die beiden gewundenen Formen links und rechts, die absichtlich an Gehirne erinnern, sind Referenzen an die Antike, rechts an eine gedoppelte Kupferstatue, links an eine Venusfigur. „Ich arbeite meist mit Abbildern von Menschen als Vorlage für meine Collagen, wo die Bezüge nicht so offensichtlich sind.“ Tatsächlich erinnert Sares Mural nun in interessanter Weise an die Geschichte von Pygmalion, der als gewissermaßen antiker Robotiker einer Elfenbeinstatue Leben einhauchte.

Gehalten wird die obere Bildkomposition von Händen, die Teil eines Baums aus Körperfragmenten sind und unten zu einem Stamm zusammenwachsen. „Ich wollte ein organisches Bild dafür finden, wie Mensch und Technik sich verbinden und wie ein neues Bewusstsein wächst oder sich einpflanzen lässt“, erläutert Sare. Gerade dieses organische Ineinandergreifen von Körperteilen und Gehirn hat Nagai gefallen: „Denn wir brauchen beides, um unsere Intelligenz zu entwickeln." Und noch etwas dürfte Nagai gefallen haben: Die Anmutung von Wärme einer angstfreien Begegnung, die das Bild ausstrahlt. In Japan sind Roboter viel positiver besetzt als in Europa oder den USA. Schon in den Mangas sind sie Helfer auf dem Weg in eine bessere Zukunft. Die Tragfähigkeit so einer Vision auszuloten und sie sowohl kritisch als auch kreativ zu begleiten, ist ein Ansatz, den die KI-Forscher*innen der Universität Freiburg nicht zuletzt auch mit Projekten wie der Stadtwandforschung verfolgen.

 

Mehr Informationen zum Projekt Stadtwandforschung:

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