29 — 07 — 19   Foto:Minz&Kunst
Gehirndaten und Mensch-Maschine-Kontraste: Marc C. Woehr und Joschka Bödeckers "Kunst am Bau" hängt nun an der Universitätsbibliothek Freiburg

von Jürgen Reuß

Mit ihrem vorletzten Projekt bieten die Stadtwandforschenden von Nexus Experiments gleich in mehrfacher Hinsicht großes Kino. Zum einen ist da die in ihrer Prominenz kaum zu überbietende Fläche. Bisher war der Blendschutz an der Freiburger UB immer nur schnöde Notwendigkeit, um Autofahrer vor tückischen Sonnenspiegelungen zu bewahren. Ab jetzt gibt es an gleicher Stelle keinen Blendschutz mehr, sondern „Kunst am Bau“, wie die leitende Bibliotheksdirektorin Dr. Antje Kellersohn beim feierlichen Hissen des neuen Hinguckers betont.

Der Festakt selbst im Mensagarten ist in seiner Prominenz kaum zu überbieten, haben neben Kunsthost Kellersohn doch auch der Erste Bürgermeister der Stadt Freiburg Ulrich von Kirchbach und der Rektor der Universität Freiburg Prof. Dr. Dr. h.c. Hans-Jochen Schiewer es sich nicht nehmen lassen, persönliche Grußworte zu sprechen.

Schiewer betont, dass er schon gleich zu Beginn vom Stadtwandprojekt fasziniert gewesen sei. Die Notwendigkeit eines Blendschutzes mit einer künstlerischen Aussage zu verbinden, die Anstöße gibt, über eine so aktuelle Problematik wie die brisante Entwicklung in der Künstlichen Intelligenz nachzudenken, passe hervorragend zu einer Universität, die gerade in Bezug auf die KI „Ahead of the Game“ sei: „Es gibt in Deutschland keinen stärkeren Standort für KI.“ Das sieht auch Ulrich von Kirchbach so und lobt vor allem den in Kooperation mit dem Kulturaggregat entwickelten Versuch, über „partizipativen Formate von Wissensvermittlung mit den Bürgerinnen und Bürgern aus Freiburg und der Region ins Gespräch zu kommen.“

Schließlich gibt Schiewer vom zum Podium umfunktionierten kleinen Hügel im Mensagartens aus mit einem auf Pappkarton gemalten „Go!“ das Signal zum Hauptakt – dem feierlichen Aufziehen des Kunstwerks. Und auch das ist mit viel Prominenz verbunden. Künstler Marc C. Woehr ist ein gefragter Mann, der nicht nur Murals anfertigt, sondern auch weltweit in Galerien ausstellt. Zu seinen abstrakt geometrisch anmutenden Formen lässt er sich gewöhnlich auf Streifzügen durch Großstädte inspirieren, und ein bisschen vielleicht auch von Kandinsky. Für das Stadtwandprojekt kam die Inspiration allerdings von seinem wissenschaftlichen Tandempartner Dr. Joschka Bödecker, Juniorprofessor, Leiter des Neurorobotics Lab und Mitglied im Exzellenzcluster BrainLinks-BrainTools. Erst die Beteiligung dieses Forschungszentrum der Universität Freiburg und des Bundesministeriums für Bildung und Forschung im Rahmen des Wissenschaftsjahrs 2019 ermöglichte die Finanzierung des aufwendigen Drucks.

Wie man KI überhaupt darstellen kann, interessiert Bödecker natürlich schon in eigenem Interesse. Gerade bei der Darstellung von Deep Learning hat die KI-Forschung auch schon Erfolge vorzuweisen. „Ich hatte vermutet, dass Marc sich vielleicht davon zu Motiven anregen lassen würde“, sagt Bödecker und war überrascht, dass diese Teile Woehr gar nicht interessierten und er auch jede Art von figürlicher Darstellung ablehnte.

„Roboter malen kam für mich nicht in Frage“, sagt Woehr, der mit seinen Werkserien vor allem Städte in allen Facetten untersucht. „Mir war relativ schnell klar, dass die Anwendung von Neurorobotik in der Epilepsie für mich spannend ist, wo mit Begriffen wie Hirnwellen, Leitungen, und Netzwerken operiert wird. Abstrakt gesehen hat das Ähnlichkeiten damit, wie eine Stadt funktioniert. Als mir das aufging, war ich sofort on fire.“

Ein gutes Kunstwerk ist immer deutungsoffen, aber ein paar Hinweise zur neuen Kunst am Bau der UB gibt Woehr auf Nachfrage doch. So kann man in der Mitte des Bildes Signalkurven aus der Messung von Hirnwellen bei Epileptikern erkennen. Die unterschiedlichen farbigen Ebenen erzeugen eine Tiefe, die zeigt, dass Neuroroboter wirklich ins Gehirn eindringen. Und wofür steht der auffällige Schwarz-Weiß-Kontrast? Da zögert Woehr keinen Moment: „Hell-Dunkel steht für Mensch und Maschine, wobei der Mensch noch der stärkere Part ist.“

Man muss nicht gleich, wie Rektor Schiewer scherzhaft anführt, befürchten, dass die neue Kunst am Bau durch ihre Attraktivität mehr Schaden durch abgelenkte Autofahrer anrichten könnte als reflektierende Sonnenstrahlen, aber Aufmerksamkeit im positiven Sinne wird ihr in jedem Fall sicher sein.

Mehr Infos zum Projekt unter:

www.stadtwandforschung.de

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